Standards im Förderschwerpunkt Schüler in längerer Krankenhausbehandlung in Baden-Württemberg

Pädagogik bei Krankheit

Krankheit kann von den betroffenen Schülerinnen und Schüler als krisenhafte, teilweise existenzbedrohende Situation erlebt werden. Krankheit wirkt sich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Sie beeinflusst die Lernvoraussetzungen und kann daher die Bildungsbiografie von Schülerinnen und Schülern verändern.

Erziehung und Unterricht sind für kranke Schülerinnen und Schüler von besonderer Bedeutung. Sie unterstützen sowohl die Krankheitsbewältigung als auch den Heilungsprozess.

Pädagogik bei Krankheit stellt die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Erkrankung in den Mittelpunkt der schulischen Erziehung und Bildung. Dabei ist ein individualisierter und ressourcenorientierter Ansatz handlungsweisend für die pädagogische und unterrichtliche Arbeit. Pädagogik bei Krankheit verfolgt dabei kontinuierlich Aspekte wie „Leben mit der Krankheit“ (kompetenter Umgang mit der Krankheit in Schule und Alltag), „Perspektiven entwickeln“ (Zukunft planen und gestalten), „Anschluss halten“ (Kompetenzen vermitteln) und „Verbunden bleiben“ (Integration in die Regelschule).

Die Teilhabe an Bildung und an sozialen Kontexten wird angebahnt, ermöglicht und sichergestellt.

Durch Erfahrungen positiver Selbstwirksamkeit wird die Persönlichkeit mit dem Ziel der größtmöglichen Partizipation und Autonomie gestärkt.

Für die Lehrkräfte bedeutet dies, sich Kenntnisse über die unterschiedlichen Krankheitsbilder und deren Auswirkungen auf den Bildungs- und Erziehungsprozess anzueignen. Bei der Auswahl der Lerninhalte orientieren sich die Lehrkräfte an der individuellen Lernsituation, den Bildungsgängen und schulartspezifischen Bildungsplänen der jeweiligen Heimatschule.

Aufgabe und Besonderheit der pädagogischen Förderung kranker Schülerinnen und Schüler erfordern von den Lehrkräften ein hohes Maß an Flexibilität, Einfühlungsvermögen sowie Bereitschaft und Fähigkeit, zu einem schnellen Beziehungsaufbau und einer zeitlich begrenzten intensiven Beziehungsgestaltung.

Schulische Diagnostik

Die schulische Diagnostik im Kontext von Pädagogik bei Krankheit, ist eine informelle, auf die aktuelle Krankheitssituation bezogene Prozessdiagnostik.

Sie beinhaltet unter anderem eine Erhebung des individuellen Lernstandes und der Leistungsfähigkeit, der subjektiven Lernstrategien sowie des besonderen und individuellen Förderbedarfs der kranken Schülerinnen und Schüler.

In die Diagnostik fließen die Informationen der anderen Fachdienste ein.

Bildung und Beratung

Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt Schüler in längerer Krankenhausbehandlung vermittelt schulische Normalität im Klinikalltag auch mit dem Ziel der Reintegration in den Schulalltag.

Auf der Grundlage einer schulischen Diagnostik werden individuelle Lern- und Förderpläne für die Schülerinnen und Schüler unter Berücksichtigung ihrer spezifischen Erkrankung entwickelt.

Die Schülerinnen und Schüler werden im Einzelunterricht oder in jahrgangs- und schulartübergreifenden Kleingruppen unter Beachtung des Bezugslehrerprinzips unterrichtet.

Die Lerninhalte und Unterrichtszeiten der Schülerinnen und Schüler werden entsprechend dem individuellen Förderbedarf methodisch- didaktisch angepasst und mit dem Therapieangebot abgestimmt. Es wird ein differenziertes, individualisiertes und ressourcenorientiertes Lernangebot erstellt.

Der Unterricht einer Pädagogik bei Krankheit berücksichtigt die aktuellen interdisziplinären Informationen und ermöglicht eine krankheitsorientierte Schwerpunktsetzung. Grundlage dafür sind die Bildungspläne aller Schularten.

Unter dem Aspekt eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses werden die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Persönlichkeit, ihrer besonderen Lebenslage und ihrer Krankheit gesehen, anerkannt und wertgeschätzt.

Die Ausgestaltung der Beziehung erfordert von Seiten der Lehrkraft ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit sowie die Fähigkeit zur Balance von unterstützender Empathie und professioneller Distanz. Das traditionelle Lehrer-Schüler-Rollenverständnis wird dabei immer wieder überdacht und ggf. neu definiert.

Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Schüler in längerer Krankenbehandlung berät Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Einrichtungen.

In der Beratung stehen folgende inhaltliche Themen im Fokus:

  • Reintegration
  • weitere Schullaufbahn
  • Lernortklärung
  • Informationen zu Krankheitsbildern
  • Gestaltung des Nachteilsausgleichs
  • berufliche Perspektiven
  • schulische Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen
  • außerschulische Unterstützungsmöglichkeiten
  • Sensibilisierung für die besonderen Belange der Pädagogik bei Krankheit.

Bildung und Beratung durch das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Schüler in längerer Krankenbehandlung erfolgt in einem inter- und multidisziplinären Team aus Ärzten, Therapeuten und Lehrkräften.

Zur Erfüllung des Bildungs- und Beratungsauftrages bedarf es regionaler und überregionaler Systemkenntnisse der beteiligten Lehrkräfte.

Das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) kooperiert mit schulischen und außerschulischen Partnern und baut ein tragfähiges Netzwerk auf.